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Turnierbericht zum 3. Go to Innovation von Ulrike Schmidt
Dieses Turnier heisst ja nicht umsonst so wie es heisst, es ist Martin Sattelkaus Spielwiese, auf der er neue Systeme ausprobieren kann. Alexander Eckert muss sie dann programmieren und die Kritik der anderen einstecken, derweil er auf die sanfte Methode und mit viel Geduld über die Monate zwischen den Turnieren versucht, Martin von den Vorteilen von MacMahon zu überzeugen (was sein Programm "Goblin" auch beherrscht). Steter Tropfen höhlt den Stein, aber Vorsicht: keine Abwehrreaktionen hervorrufen, sonst wird Martin bockig!
Aber einige der Innovationen sind ja gar nicht schlecht. Diesmal fand das Turnier zum ersten Mal auch im Frühjahr statt, was eine sehr schöne Idee ist, denn der Turnierort ist sowieso schon luxuriös, und die Gebäude haben einen netten Innenhof mit Teich, sodass man bei schönem Wetter draussen sitzen konnte, von der Cafeteria versorgt.
Die zweite angenehme Innovation war, dass es diesmal nur 10-15 Euro gekostet hat, je nachdem, wann man sich angemeldet hat. Es gab dafür zwar keine 1000 Euro zu gewinnen, aber an die kommen Normalsterbliche sowieso nicht ran. Dafür konnte man bis einschließlich 13. Platz sein Startgeld und seine Futterkosten wieder hereinholen.
Davon abgesehen gab es auf Go to Innovation bisher immer für jeden einen Preis. Dieses Mal gab es zwar keine Winterreifen, aber die unteren Ränge konnten u.a. zwischen Gesellschaftsspielen, Schlüsselanhängern, Spielzeugautos und ganzen Verwöhntagen in einem nahegelegen Fitnessstudio wählen. Für die letzten drei Plätze gab es als Trostpreis Go Bücher, da sind sie ja dann auch wohl gut angelegt.
Die dritte, wesentliche Innovation: das Hahn-System. Dabei zählt nicht nur Sieg oder Niederlage, sondern auch wie hoch man verloren oder gewonnen hat. Bei einem Sieg mit mehr als 40 Punkten bekommt man einen vollen Punkt, bei einer Niederlage mit mehr als 40 Punkten bekommt man 0 Punkte, ansonsten bekommt man etwas dazwischen.
Dieses System hat eigentlich allen Beteiligten, mit denen ich gesprochen habe, sehr gut gefallen. Siegmar Steffens fand überhaupt das ganze System sehr schön für Anfänger, u.a. wegen der schnellen Aufstiegsmöglichkeiten für schwächere Spieler und gerade weil es darauf ankommt, so viele Punkte wie möglich zu retten. So versucht man - so man das System verstanden hat - nicht am Schluss noch durch sinnlose Aktionen den Gegner reinzulegen, wenn man am Verlieren ist, sondern spielt nur das, was man auch begreift, und kann so dann evtl. doch einen etwas größeren Teilpunkt gewinnen, als wenn man die Partie völlig versiebt. Das sei pädagogisch wertvoll.
Schade, dass nicht mehr Versuchskaninchen, ich meine: Spieler kamen. Das hatte bei 32 Teilnehmern und 8 Runden einige Nebenwirkungen, die vor allem ich abgekriegt habe als dem offiziellen Unglücksraben dieses Turniers, die aber wohl nicht dem Turniersystem zuzuschreiben sind, sondern eben der geringen Teilnehmer- und hohen Rundenzahl.
Der Rest des Berichtes kann eigentlich fast komplett geskipt werden, bis auf Teile des letzten Absatzes, ich muss mich nur mal eben schnell ausheulen. Mit dem Anfang des Turniers war ich noch ganz zufrieden. Bei meinen ersten beiden Partien lag ich vorne, wurde wie üblich arrogant, ging wie üblich groß baden mit toten Gruppen im Wert von ca. 100 Punkten, hatte dann Glück weil meine Gegner arrogant wurden, konnte dann zwar nicht die Partien, aber die Gruppen retten, und dankte dem Hahn-System für den glimpflichen Ausgang und die geretteten Zehntelpunkte.
Auch der zweite Tag schien gut anzufangen, ich hatte die Partie gegen David eigentlich schon gewonnen. Aber dann habe über seinen "lächerlichen" Invasionsversuch nicht gründlich genug nachgedacht, und schon hatte ich nichts mehr zu lachen. Höchststrafe, keine Rettung durch Hahn.
Bei der nächsten Partie wollte ich mich endlich zusammen reissen. Da bekam ich die Auswirkungen der geringen Spielerzahl zu spüren: ein angeblicher 10 Kyu, dem ich 6 Steine vorgeben sollte. Ich sah in sein Gesicht und mir war klar, dass er wusste, wie diese Partie ausgehen würde. Er hatte sich zu niedrig eingestuft. Wie ich das hasse! Mir dämmerte, dass ich den Rest des Turniers keine Chance mehr auf eine normale Partie haben würde.
Natürlich verlor ich, und bei der nächsten Partie musste ich dann 7 Steine vor geben, auch keine Chance. Mein Gezeter bewog Alexander zu dem Versprechen, sich für das nächste Turnier eine andere Gewichtung von Punkten und Spielstärke zu überlegen. Aber als er dann die erste Losung für Runde 6 sah, die sein Programm ausspuckte, hatte er sofort Ideen für eine Innovation des Systems, das jetzt Partien mit möglichst wenig Vorgabe suchte, denn sonst hätte Jin Zou (6 Dan) gegen Lena (9 Kyu) spielen müssen.
Für mich hiess diese Neuerung, dass ich gleichauf gegen den anderen Looser des Turniers antreten durfte, nämlich Matthias Knoepke. Dessen Pechsträhne endete mit unserer Partie ... Schön, dass wenigstens er aus seinem Depressionsloch heraus kam.
Als ich am Sonntag morgen vor dem Turnier Gebäude stand, klingelte mein Handy, und der besorgte Turnierleiter fragte nach meinem Befinden, ob ich vor habe, heute anzutreten, oder ob ich zu demoralisiert sei. Nein, ich bin zäh. Was kann jetzt noch kommen, ich kriege wahrscheinlich bei dem verbesserten System wieder einen Gegner in meiner Kragenweite, dachte ich ...
Ich sah die Auslosung und kriegte meinen Mund nicht mehr zu: Brett 1, gegen Jin Zou. "Das hat das System ausgespuckt, keine Manipulation!" behauptete Martin. Wie bitte? Wo gibt es denn so was, alle Partien verloren, und ab ans erste Brett. Ich habe ja schon mal relativ erfolgreich mit 7 Steine gegen einen Profi gespielt, aber heute nicht ... 0:7 stand ich nun, und Martin klärte mich gleich auf, dass ich mir keine Hoffnung auf den Trostpreis machen sollte.
Runde 8 wurde ausgelost, Brett 2 gegen Harald Lange, 4 Steine Vorgabe für mich. Naja, komisches System. Am Brett angekommen schaffte ich es als erstes, den Inhalt meiner Mineralwasserflasche über mich und das Brett zu sprühen, Phänomen Kohlensäure und Bewegung. Harald lachte über die völlig durchnässte Aufschrift auf meinen T-Shirt: "Just being so very British!". Er hatte vorher bereits auf die gleiche Weise seine Limonade auf der Treppe verteilt. Insofern hatten wir wenn schon nicht auf dem Brett, so denn wenigstens im realen Leben mit ähnlichen Problemen zu kämpfen.
Nun denn, mit Kopfweh von den vielen Enttäuschungen dieses Wochenendes fingen wir an zu spielen. Überraschung: diese Partie habe ich gewonnen! Mit 9 Punkten! Hinterher erstaunte Gesichter und Kommentare, die ich hier nicht wiedergeben will...
Gewonnen hat, wie erwartet Jin Zou. Eine kleine Sensation war Siegmar Steffens Sieg gegen ihn in der 3. Runde. Dritter wurde Johannes Obenaus. Der Rest der Ergebnisse steht in der Tabelle unter ">Ergebnisse. Ich habe auf dem 27. Platz Gutscheine für 5 Verwöhntage im Fitness-Studio gewonnen, die werde ich brauchen, um mich zu erholen. Aber das Turnier ist Klasse! Wirklich! Und wenn ihr das nächste Mal zahlreicher erscheint, gibt es wieder Freibier am Samstag Abend und mir wird viel Frust erspart und ermöglicht, die Vorteile des Hahn-Systems und weiterer Innovationen zu geniessen.